Autointerview

A: Wie sind Sie auf die Idee gekommen, sich selbst zu Interviewen?

B: Nun, ich durchlaufe gerade wieder eine Phase der Selbstreinigung. Ab und zu ist es einfach nötig, sich von den schlechten Sozialisationseinflüssen zu befreien. Es gibt hier und da Gerüchte und entsprechend wird man hier und da so und so behandelt, dagegen kann man sich nicht wehren. Um nicht in eine Selbstmitleidskrise zu verfallen, bietet die expressive Isolation eine gute Reinigungslösung. Dabei beginnt man, sich selbst zu beobachten und im Verhalten zu optimieren. Diese bewusste Über-Ich Situation ermöglicht dann eben auch Autointerviews.

A: Interessant, aber meinen Sie nicht, dass man dadurch noch ein verrückteres Bild von Ihnen bekommt?

B: Ach warum? Ich habe ja den Eindruck, dass man sich nicht wirklich traut, mir Fragen zu stellen, da an meiner Ernsthaftigkeit zu sehr gezweifelt wird. Darum stelle ich mir einfach die Fragen und trage so meinen Beitrag zur Ernsthaftigkeit bei, wie wir gleich lesen werden.

A: Das verstehe ich nicht. Handelt es sich hierbei wieder um eine Anspielung an jemanden, der das verstehen wird oder habe ich einfach etwas übersehen?

B: Genau solche Fragen kann ich nicht ausstehen. Sie zielen doch nur auf eine Provokation hinaus!

A: Sie fühlen sich jetzt also auf einmal provoziert?

B: Ja.

A: Warum?

B: Weil diese Fragen für mein Antworten-generieren eine Endlosschleife im Denken verursachen.

A: Sie fühlen sich einfach ertappt und ihnen fällt keine Lüge ein, nicht wahr?

B: Nein, geben Sie mir Zeit, hier hinaus zu kommen.

A: Nur zu, wir sind ja eins. Ich denke trotzdem, Sie wollen nur eine gute Lüge dichten. Sie formulieren wirr.
[Anm. des Interviewers: Er holt sich zwei Kaffee in 2 großen Tassen.]

B: Folgendes: Ich kenne Sie auch relativ gut. Sie meinten bestimmt, ich wollte eine gut gelogene Ausrede finden. Nun. Sie liegen Falsch, aber Ihre Annahme ist berechtigt. Das Problem hierbei ist die Perspektive, die Herangehensweise an Ihre „provokative Frage“. Es gibt tatsächlich Personen, die dies als Anspielung auffassen könnten, denn sie werfen mir direkt als auch indirekt eben genau diese Unernsthaftigkeit vor. Andererseits tun sie das nur, weil sie etwas Wesentliches übersehen.
Sie fragen demnach Ihre Frage falsch, da man diese beiden Dinge nicht mit einem „oder“ trennen kann. Das eine impliziert das andere. Und nun fängt es eben an, in meinem Kopf bei so einer Frage zu brodeln. Denn dadurch, dass die Frage so und nicht anders gestellt wird, wird ganz offensichtlich deutlich, dass hier Klärungsbedarf besteht. Doch ich bin es Leid, den Leuten ständig zu erklären, dass ihre Fragen falsch sind. Man muss dann nämlich auch behutsam umgehen, sonst verärgert man diese Leute. Somit werde ich in ein Dilemma geworfen, aus dem ich nicht herauskomme. Denn ich habe oft keinen Bock auf Erklärungsorgien, nur weil eine kleine relativ wertlose Frage falsch gestellt wurde, weil etwas Grundlegendes übersehen wurde, jedoch bin ich der Frage ja noch eine Antwort schuldig, aber ich kann sie so, wie sie gestellt wurde, nicht beantworten.
Stellen Sie sich mal vor, sie würden als Mathematiker ernsthaft gefragt werden: „1 plus 1 ist doch 3, oder?“ Sie werden auch sofort durch die Formulierung feststellen, dass der Fragende allen Ernstes davon ausgeht, dass 1 plus 1 drei sei. Aber das ist es nicht. Sie können allerdings nicht einfach mit „nein“ antworten. Denn auch wenn die Frage so gefragt wurde, so wollte der Fragende mit Sicherheit nicht wirklich nur ein „ja“ beziehungsweise „nein“ hören, sondern von dem Mathematiker eine kurze Erklärung. Allerdings ist der Fragende von einem „Ja“ als Antwort ausgegangen. Das merken Sie auch an der Körperhaltung, die der Fragende einnimmt und auch daran, dass in wenigen Minuten ein weiterer Termin auf Ihrem Kalender ansteht. Sie können jetzt also einfach nein sagen und die Antwort über das Warum, welches der verdutzte Fragesteller stellen wird, schuldig bleiben oder sie haben das Geschick, die Grundlagen der Mathematik – besonders der Addition – in Kürze jemandem beizubringen; und dann auch noch so, dass dieser nicht seiner Dummheit beleidigt wird. Denn seien wir ehrlich, dass eins und eins gleich vier macht, weiß doch jeder seit Pipi Langstrumpf!

A: Sie haben schon bessere Witze gemacht. Ihre Ausführung ist jedenfalls etwas einleuchtend. Aber was habe ich denn Wesentliches übersehen, als ich die Frage gestellt hatte?

B: Die Tatsache, dass das Leben an sich langweilig und sinnlos für das Individuum selbst ist. Und sich somit jegliche Fragen über die Ernsthaftigkeit des Daseins erübrigen. In diesem Fall ist es die Frage nach meiner Ernsthaftigkeit und Glaubwürdigkeit.

A: Nein!

B: Doch. Und wie. Und genau hier ist der Punkt, wo ich so weit ausholen müsste, dass es den Rahmen dieses Interviews sprengen würde. Sie können ja mal ein Gedankenspiel auf dem Klo beim kacken machen: Versuchen Sie, alles an ihrer derzeitigen Persönlichkeit an und in Personen ihrer Umgebung, ihrem Umfeld zu lesen. Versuchen sie, welche Eigenschaften sie von Ihrer Mutter haben, ihrem Vater, ihren Freunden aus der Kindheit. Was haben sie von ihrem Lieblingshund, welches Kuscheltier gab ihnen besondere Momente? Oder war es das Ereignis vor dem Heranziehen des Kuscheltieres, was ihre Persönlichkeit mitgeprägt hat? Wenn sie so viel wie möglich davon erkannt und entdeckt haben, versuchen sie es gedanklich zu löschen! Legen sie es ab. Sie haben sich somit ihr „Ich“ aufs minimale reduziert. Fressen und Scheissen. Einatmen und Ausatmen. Glücklicherweise ist dies nur ein Gedankenspiel, denn in Wirklichkeit wären sie unfähig, zu essen (weil sie nicht wissen würden, wie sie an Essen kommen, haben es ja nirgendwo abkucken können) und somit tot. Jedoch sollte Ihnen deutlich geworden sein, dass es hier keinen Ernst gibt. Es gibt vielleicht einen Trieb, den Lebenserhaltungstrieb. Sich selbst am Leben erhalten als Trieb, der etwas Wissen über Nahrungssuche und -aufnahme erfordert. Ich bezweifle sogar, dass das Fortpflanzen auf dieser absolut niedrigen Ebene schon gedacht werden kann. Das ist zumindest das Leben an sich.
Nun. Jetzt kommt noch ein weiteres Problem hinzu, dass ich hierbei denke, dass diese Gedanken alle schon viel tiefgründiger erforscht und erläutert worden sind und meine Worte im Prinzip ziemlich wertlos sind. Ich erläutere diese Gedanken also nicht nur aus Zeitgründen ungern sondern auch darum, weil diese in Büchern irgendwo festgehalten werden und für jeden zugänglich sind. Ich könnte theoretisch auch eine Zitatliste auswendig lernen und jedem zum Nachschlagen ansagen, anstelle es mit eigenen Worten wiederzugeben, jedoch würde ich damit noch weniger Sympathie angeln.
Ich muss zumindest jetzt noch zu dem Punkt kommen, zu erwähnen, dass zu diesem Bild vom sinnlosen Leben eben die Sinnproduktion kommt. In dieser Sinnproduktion steckt bewusste Wahrnehmung, aktives Schaffen (Kunst) und Wissensproduktion. Die Frage nach der Ernsthaftigkeit taucht somit genau hier berechtigt auf – aber nur dann, wenn vergessen wurde, dass die Ernsthaftigkeit nicht zum Leben an sich gehört. Ernsthaftigkeit ist also ein Sinnprodukt, ein kultureller Fakt, den man mindestens auf dem Klo beim Ich-reduzieren ablegen kann.

A: Ui. Das ist harter Tobak. Ich glaube, ich muss hier erst einmal das Ich-reduzieren ausprobieren, vielleicht versteh‘ ich dann die Sache etwas genauer.

B: Aaach. Locker bleiben. Über den Sinn des Lebens hat doch jeder schon mal nachgedacht. Das Schwierige ist nur, sich eben damit abzufinden, dass dieses Leben an sich ohne Sinn ist. Das ist eine äußerst schwierige Vorstellung. Wenn man aber diesen Gedanken durchschaut hat, dann ist man Froh, dem Leben einen Sinn geben zu können und es den Eigenen Wünschen entsprechend oder aber auch den Wünschen anderer entsprechend zu gestalten. Manche Menschen haben es nicht so mit dem bewussten Gestalten, die werden eben gestaltet. Das ist zum einen gefährlich, da hier das Böse seine Macht ausleben kann, andererseits auch gut, da sich die exzessiven Lebensgestalter (Künstler, Politiker) hier ausleben können und ihr Federkleid ausbreiten können. Über Kapitalkultur und Kriegskultur möchte ich jetzt aber nicht noch diskutieren. Das kann man allerdings auch genau so sehen – Kultur als Sinnprodukt.

A: Interessant Ihr letzter Punkt. Vielleicht holen wir das ja mal nach. Ich danke zumindest so weit für Ihre Bereitschaft, sich meinen Fragen zu stellen. Eine Frage aber noch zum Schluss: Warum geben Sie sich dann aber nicht der Kultur der Ernsthaftigkeit offen hin, wenn sie doch in genau solch einer zur Zeit leben?

B: Haha. Sie sind witzig. Sie sind ich, ich bin Sie und dann tun Sie die ganze Zeit so, als ob sie die Antworten nicht auf die Fragen wüssten und stellen am Schluss so eine Frage! Das ist typisch, Sie sind wirklich nicht mehr ganz dicht in der Birne. Vielleicht übersehen Sie einfach die Ernsthaftigkeit, die sich unter der Folie der Abstraktion befindet. Vielleicht führe ich diese Ernsthaftigkeit auch einfach nur ad absurdum, da sie nicht wirklich existiert und Sie sollen es erkennen. Vielleicht kommen Sie ja mal irgendwann da drauf, hm? Vielleicht antworte ich ja auch gar nicht ihnen!

A: Vielleicht habe ich ja auch gar nicht die Fragen gestellt!

B: Mit ihren Wende behaftet pointierten Schlussworten halten Sie auch stets Ihre Linie.

Z: Ja, sie Scherzkeks, nun genug des Plausches.

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