Die Mär von der Zehn.

„Mich kotzt das dermaßen an, dass…“

Ich bin gerade in die Straßenbahn gestiegen. Der Tag hat mich mitgenommen – die Bahn tut dies auf ihre Weise. Es ist spät in der Nacht. Die Sätze, die ich in meinem Kopf denke, sind genauso kurz. Teilweise kürzer. Die Informationsverarbeitung werkelt auch nur noch mäßig. Doch da sitzen zwei Gören auf der gegenüberliegenden Vierergruppe und fangen an, sich zu unterhalten.

„Jääää? Was?“ Erwidert die andere.
„Die Zehn.“

Ich ahne schon schlimmes: Schließlich kotzt sie es ja dermaßen an – das mit der Zehn.

„Aha.“

Diese Reaktion habe ich nicht erwartet. Anscheinend sind die Beiden wahnsinnig gute Freundinnen und die eine mag wohl aus Prinzip nicht auf solche komischen Versuche, ein Gespräch zu erzwingen, erwartungsgemäß reagieren. Sie haben sich wahrscheinlich schon alles erzählt. Ich kann das nachvollziehen. Irgendwas muss man sich allerdings gegenseitig an den Kopf werfen, wenn man schon zu zweit in der Straßenbahn sitzt, mitten in der Nacht, wo alle müde und geschafft sich in ihre eigene Traumwelt schweigsam zurückgezogen haben. Eigentlich möchte man sich ja auch zurückziehen. Doch das geht nicht, wenn man zu zweit ist. Diese Ungewissheit, der Gesprächspartner gegenüber könnte das Schweigen oder sich-zurück-ziehen missverstehen, ist einfach unerträglicher, als einfach nur zu labern.

„Ja, die fährt jetzt anders.“

Jetzt wird es langsam interessant. Sie hat nicht mitbekommen, dass ihre Freundin sich darüber eigentlich nicht unterhalten will. Auch hat sie nicht mitbekommen, dass in der Reaktion „Aha.“ auch eine gewisse Halbhinhörigkeit mitschwingt.

„Was? Die siebn? Ich versteh‘ dich ni.“

Sie wirkt auch geschafft vom Tag und prustet alles in ungefiltertem Sächsisch hinaus.

„Nee.“

Spätestens jetzt könnte man zusätzlich vermuten, die beiden seien absolut stoned. Aus dem Gespräch wird einfach nix. Jetzt dreht sich ja auch noch der Spieß herum. Die eine hat nun verstanden, dass die andere nicht darüber sprechen möchte und will diesen Dialog abwürgen. So geht das aber nicht:

„Was kotzt dich denn an?“ sagt die andere nun.

Ah! Wissen macht Ah! Da ist jemand doch noch neugierig geworden. Die Tramfahrt ist ziemlich langweilig. Ich halte natürlich meine Klappe; die anderen Leute sitzen weiter weg.
Jetzt ist die Chance gegeben, das Gespräch ordentlich zu beenden. Los sag es, Mädel! Sag es! Sag einen ordentlichen Satz!

„Na das mit der Zehn.“

Oh nein. Sie hat es nicht. So geht das nicht. Vielleicht liegt es daran, dass noch eine Haltestelle gefahren werden muss. Vielleicht liegt es auch daran, dass sie keine Erfahrung im Labern hat und nicht weiß, wann man damit aufhört und dass man Laberei einfach abbrechen kann.

„Ah Hm.“

Was ist das denn? Jetzt, wo es spannend wird, schläft sie wieder ein? Was ist denn mit der Zehn? Ich will es wissen! Warum kotzt sie es an, dass die Zehn anders fährt? Willst du das nicht wissen? Warum Nur ein „Ah Hm.“? Wieso schwingst du überhaupt erst von einer desinteressierten Haltung in eine interessierte Haltung um und äußerst dich dann wieder desinteressiert? Ich muss jetzt hier auch aussteigen und habe nichteinmal die Quintessenz erfassen können, um die es in eurem Smalltalk ging. Ich hab doch gar nicht zu euch rüber gekuckt. Nein, das kann es nicht sein. Was ist denn nun? Naja, machts gut.

„Na Mensch, das ist doof, dass die Zehn, die Straßenbahn, dass die anders fährt als sonst. Irgendwie.“

Ja, danke, dass du es nochmal gesagt hast.

„Okay. Und warum sagst du mir das jetzt?“
„Na weil…“

Schade, unsere Wege trennen sich hier.
Gehe ich halt unerfüllt schlafen.

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