Turnaround Ständer

Der Instinkt. – Wenn das Haus brennt, vergißt man sogar das Mittagsessen. – Ja: aber man holt es auf der Asche nach.
Friedrich Nietzsche: Werke in drei Bänden. München 1954, Band 2, S. 627-628.

Ausgangssituation:

Es galt von einer Bushaltestelle zur nächsten Bushaltestelle zu gehen. Der Grund: Laut einer elektronischen Anzeige müssten noch sechs Minuten vergehen, bevor der entsprechende Bus an dieser Haltestelle ankommen würde. Bedenkt man noch dazu, dass man zu der angezeigten Zeit noch in der Regel zwei bis sogar ganze drei Minuten Lebenszeit des Wartens dazurechnen kann, bleibt einem vernünftigen Menschen mit effizienter Lebensgestaltung und Angst vor Verharrung der Gedanke nicht fern, zu schon erwähnter nächsten Haltestelle zu laufen, die erfahrungsgemäß etwa ebenfalls sechs Minuten Gehweg entfernt ist.

Die Actio:

Man geht also los, jedoch merkt man ihr an, dass die Muße und Begeisterung für eine erfüllende Lebensgestaltung in diesen wenigen Minuten kostbarer Lebenszeit nicht vorhanden sind. Dabei ist das Leben eine schöne Angelegenheit, auch in den schlimmsten Situationen.
Der schon fast volkstümliche Spruch eines jeden weniger innovativen Tagebuches oder Onlineprofils: „Lebe jeden Tag so, als wäre es dein Letzter.“, könnte in solchen Situationen endlich mal in seiner ganzen Sinnhaftigkeit Anwendung finden. Aber dieser Spruch hat offenbar nur noch redundante Eigenschaften. Er findet sich als regressives Element noch in dem Begriff „Spontaneität“. Jedoch verliert sich auch hier die Bedeutung. Oftmals wird spontaneität mit sturem Ja-sagen verbunden, ohne das Gute und Schlechte abzuwägen. Das ist nicht einfach, aber es gehört dazu.
Zumindest zählt sie zu den vernünftigen spontanen Menschen. Jedoch hat sie diesmal absolut falsche Prämissen gesetzt und dadurch die spontane Entscheidung, sich für den Gang zur nächsten Bushaltestelle zu entscheiden, blockiert.
Es galt also, Überzeugungsarbeit zu leisten. Das Problem in dieser Situation war allerdings, dass nicht viel Zeit zum Überzeugen bestand. Denn es gab in idealer theoretischer Betrachtung keine Pufferzeit für solch einen Vorgang. Praktisch, wie gesagt, etwa zwei bis drei Minuten. Nachdem ihr also genau dieser Sachverhalt kurz erläutert wurde, machte sie sich mit auf den Weg.

Das ganze wäre ja ohne Probleme verkraftbar gewesen. Aber eine Handlung von ihr zeugte wieder mal dafür, dass es offenbar absolut schwierig für viele Menschen ist, konsequent das Zielereignis einer Handlung zu beachten beziehungsweise zu erfüllen. In diesem Fall war es logischer weise jene, den Bus an der folgenden Haltestelle zu erreichen.
Man unterhielt sich über die Sinnhaftigkeit dieser Aktion. Sie war natürlich nicht wirklich begeistert davon. Man wechselte die Positionen. Mal lief sie vorneweg, mal hinterher. Und so kam es, dass sie einen essentiellen Verhaltensfehler begang. Während sie vorneweg lief und sprach, musste sie sich verständlicherweise umdrehen, damit die Schallwellen aus ihrem roten erotischen Mund besser zum Rezipienten gelangen können. Sonst hätte sie wohlmöglich noch lauter sprechen müssen. Doch wenn sie sich umdrehte, geschah es auch, dass sie STEHEN BLIEB!

Reactio:

Unfassbar. Und so kam es, dass zum einen der Bus nicht mehr erreicht werden konnte und zum anderen das Gesprächsthema ein ganz anderes wurde.
Eine korrekte Bewegungshandlung wäre gewesen, sich entweder nicht nach vorne abzusetzen, wenn man spricht, nicht gänzlich umzudrehen (und somit nur leicht seitwärts zu gehen) oder gar rückwärts zu gehen. Aber absolut falsch war es, sich umzudrehen und stehen zu bleiben. Das ist eine Handlung die zur Zielerreichung ein Hindernis ist.
Eine weitere Folge dieser Handlung war, dass sie aus ihrer vorderen Position durch das Stehenbleiben in die Hinterposition gelangte. Durch Vorbeischreiten an ihr entstand dadurch eine Art Rangwechsel, war der Sprecher ja in der Regel vorn. „Hörst du mir überhaupt zu?“ „Ich möchte nur rechtzeitig an der Bushaltestelle ankommen, um den Bus zu bekommen.“ „Das ist doch jetzt nicht wirklich dein Ernst?!“
Hier wurden nun alle Regeln zur Zielerreichung gebrochen. Durch diesen vermeintlichen Rangordnungswechsel und offenbar auch hormonell präferiert (die Entscheidung am Anfang dieser Gesamtsituation förderte offenbar eine Stresssituation) war sie nun nicht mehr der Verursacher und somit Schuldige dieser makaberen Situation. Selbst alle Versuche, sie nochmal auf die rationelle und logische Konsequenz ihrer wahrhaftig sinnlosen Verhaltensweise aufmerksam zu machen, dass nun die Bushaltestelle nicht mehr rechtzeitig erreicht werden würde und eine völlig absurde Streitsituation entstanden ist, konnte sie nicht mehr bekehren.

Memoria:

Der Bus fuhr nun vorbei. Man versuchte noch, die Situation dadurch zu retten, sich wieder hinter sie zu stellen. Das verwirrte sie etwas, hielt sie aber nicht davon ab, ihre Vorwürfe von wegen „Verhaltensgestört“ und „nicht ganz dicht in der Birne“ ab zu lassen. Ja, das hat man wohl nun davon, wenn man mal eine Sache konsequent durchziehen möchte, jedoch keine Pufferzeit einplant.
Die Moral von der Geschicht ist also: Immer sichere Pufferzeit einräumen und die metasprachliche Kommunikation so gestalten, das keine Rangkonflikte entstehen.
In einer idealen humanen Welt können animalische Eigenschaften durch Wissen und Vernunft modifiziert werden. Dort würde vermutlich der Begriff „Ranghöhe“ unter Menschen nicht auftauchen. Dann hätte sie die Lage auch sofort erkannt und adequat reagiert.

Dieser Beitrag wurde in 3. Person, philosophisches, prämissen veröffentlicht und getaggt , , , . Ein Lesezeichen auf das Permalink. setzen. Kommentieren oder einen Trackback hinterlassen: Trackback-URL.

Einen Kommentar hinterlassen

Ihre E-Mail wird niemals veröffentlicht oder weitergegeben. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Sie können diese HTML-Tags und -Attribute verwenden <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

*
*