Die Haltestelle

Gerne der Zeiten gedenk‘ ich, da alle Glieder gelenkig – bis auf eins.
Doch die Zeiten sind vorüber, steif geworden alle Glieder – bis auf eins.
Johann Wolfgang von Goethe

Ich hatte wieder großes vor. Heute sollte es zum Einkaufen gehen. Endlich an die frische Brise bräsiger Stadtluft. Endlich weg aus meiner muffigen Wohnung sozialattitüdenhafter Raumgestaltungstechniker und weg von dem Fraß auf frisch gewaschenen Tellern, die man immer mit kleinen Fit-Schaum-Bläschen verziert, damit wir wissen, die seien frisch gewaschen. Ich liebe die frische Luft, denn meine tote Frau schwebt darin. Das wichtigste ist die Luft mit meiner Frau darin – und die muss frisch sein. Ohne frische Luft vergeht einem nur die Lust auf.
Ich wollte endlich mal wieder hinaus an die frische Luft. Zu meiner Frau – und zog mir meine Jacke an. Ich wollte einkaufen gehen. Nichts ist schöner, als einkaufen zu gehen. Das muss man in aller Ruhe machen. Ich habe viel Ruhe. Ich habe alle Zeit der Welt. Seitdem meine Frau tot ist, habe ich ganz viel Zeit.
Als ich mich zum Schrank bewegte, sah ich eine große alte Einkaufsliste und dachte mir, ich könne doch mal wieder einkaufen gehen. Also zog ich meine Jacke an und ging aus meinem Zimmer. Im Flur traf ich viele bekannte Gesichter, jeder begrüßte mich nett. Ein Junger Herr führte mich netterweise in mein Zimmer, denn ich glaubte auf einmal nichtmehr zu wissen, wo mein Zimmer ist. Aber ich wusste es noch, als ich drin war. Ich wusste doch noch ganz genau: das ist mein Zimmer wo ich drin.
Verzackte Meierei! So geht das nicht weiter! Ich schlug mit der Faust auf meinen Tisch, nahm einen Schluck schäumenden Bieres, zog meine frisch gewichsten braunen Lederschuhe an, die Jacke war schon von einem jungen Mann zugemacht worden, und ging hinaus an die frische Luft, angehaucht der Liebe. Hach! Diese jene frische Luft! Da schwebt meine Frau drin. Ich entschloss mich, einen Einkaufsbummel zu machen. Ich mag ja diese frische Luft und wenn man dazu einkaufen kann ist das.
Früher war ich Pilot. Ich habe große Flieger geflogen. Da hatten wir als einzigen Autopilot, Höhe und Kurs zu halten, damit man mal kurz auf die Toilette pissen gehen konnte. Wenn man wiederkam, war man trotzdem ab vom Kurs und musste etwas den Kurs korrigieren. „Ja ja.“, sagte der junge Mann neben mir, als würde er mir das nicht glauben. Aber ich habe ja dieses Foto an meiner Wand hier in meinem Zimmer.“ Da bin ich als junger Pilot. Sehen?“
„Da ist sogar meine Frau. Schauen sie! Meine Frau war eine treue Frau mit großem pochenden Herz. Jetzt ist sie tot. Sie wurde von einem heruntergefallenen Flügel auf dem Steinweg erschlagen. Jetzt schwebt sie in der Luft, ich rieche sie jeden Tag.“ Ich rieche sie jeden Tag in der Luft. Darum möchte ich jetzt auch hinausgehen und einkaufen. Meine Jacke habe ich ja schon an, meine Schuhe auch. Da kann es ja los.
Die neue moderne elektronische Techik ermöglicht es nun, dass ich nicht mehr die Türklinke benutzen muss, die Türen werden aus der Elektronikanlage geöffnet, wenn ich mit meinem Stock das Signal zum Öffnen der Türen gebe. Ich rieche sofort die Luft mit der Brise meiner Frau. Meine Frau ist damals mit einem Schlag und lauten Klängen in der Luft zerpufft. Da ich ja nun einmal draußen bin, kann ich eigentlich auch einkaufen gehen. Ich werde das nun tun. Ich werde einkaufen gehen, war ich doch schon lange nicht mehr ein-.
Wissen Sie, ich treffe hier draußen immer ganz viele neue Gesichter. Jedes ist anders und jedes trägt seichte Züge meiner so geliebten Frau, denn sie atmen diese liebliche Luft ein, wissen sie? „Möchten Sie mit mir einkaufen kommen? Sie können mich gerne begleiten. Gleich hier, an der Bushaltestelle.“ Wir setzten uns also hin. So drei oder vier Leute wollten mitkommen. Wir haben alle Zeit. Die Luft ist schließlich.

„Ach wissen sie, sie möchten immer mit mir einkaufen gehen. Immer möchten sie mit mir einkaufen gehen. Und doch! Und doch!“ Die Dame hob ihren Stock, als wolle sie den Herren ermahnen und lies ihn in der Pause nach dem doch wieder hinunterschwingen. Sie rief noch einige male „Und doch!“ und wurde dabei immer leiser bis sie verstummte. Alle Leute um sie herum schauten sie an und warteten auf die vollendung ihres Satzes. Doch sie sahen nur den Stock auf- und abbewegen. „Wissen Sie, meine Frau schwebt hier in der Luft. Ich war mal Flieger. Sie haben alle etwas von meiner Frau.“, wiederholte sich der Herr. „Sie kleiner Schelm. Schauen sie nur, wie schelmig er sich an uns heran macht. Der Herr hat es auf uns abgesehen!“ kicherte eine andere Dame, die sich sogar noch ihre Haare dunkel färbt und ab und zu eine Perücke mit glattem, jungen Haar trägt. Daraufhin fingen auch die anderen Damen an zu kichern. Einige husteten. Die zwei Herren, die ebenfalls noch auf den Bänken an der Haltestelle saßen, ließen ihre großen, schweren Hornhauthände auf ihre beigen Hosen fallen. Zwei mal, als Ausdruck von humorvoller Gerührtheit, sie konnten nur leider keinen Ton mehr aus ihrem Hals bringen, denn dieser war zu dünn und ihre Lungen, sowie ihr Zwerchfell zu schwach, um genug Luftdruck zur Erzeugung eines Lachers zu produzieren.

„Ja!“, kam mir die brennende Idee, „Ja, ich werde nun einkaufen gehen und sie können gerne alle mitkommen. Ich werde mit dem Bus fahren.“ Ein junger Mann kam sobald an und holte uns ab. Er brachte uns aus der frischen lieblichen Luft meiner Frau (die manchmal auch pupste – aber so ist das Leben) hinein. „Hinein in die gute Stube!“, sagte Hildegard. Es gab Abendbrot. „Morgen gehe ich einkaufen, treffen wir uns doch an der!“
„Ja Ja.“

Die Haltestelle hatte das Altersheim authentisch im Hof nachbauen lassen. Auf dem Asphaltplatz wird zum Sommerfest immer gegrillt und getanzt.

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